...Wirtschaftswunder

Viele Jahre wirkte das kleine, schmächtige Wägelchen tatkräftig am Wiederaufbau der zerstörten Nation (oder was davon übrig geblieben war) mit. Öfter als ein Mal rumpelte der junge Unternehmer nach Köln zur Niederlassung von Varta: auf dem Hinweg mit Wein, Wurst, Eiern und anderen Lebensmitteln, auf dem Rückweg mit schweren Bleiplatten, die zur Reparatur von Autobatterien nötig waren. Die D-Mark gab es zuerst noch nicht, der Tauschhandel blühte, und in Köln herrschte der Hunger.

 

 Am 10.06.1961, 25 Jahre alt, wurde das Auto nach harten Dienstjahren auf schlechten Straßen und holprigem Pflaster endgültig abgemeldet und liebevoll in eine trockene Garage gestellt. Ein modernerer Wagen mit allerlei Komfort und mehr Platz hatte den Veteranen ersetzt!

In Decken gehüllt geriet der Wagen bald in Vergessenheit und diente nicht nur einer Mausefamilie als Wohnung, sondern auch einem Eichhörnchen als Vorratskammer: Nüsse, Sonnenblumenkerne und andere Lebensmittel verbargen sich im Kühler und in anderen Hohlräumen des Automobils.

Nur fünf Tage später, am 15.06.1961, bekundete Walter Ulbricht in einer Pressekonferenz:
"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten".

 Mein Gott, Walter:  Trotz aller Beteuerungen Ulbrichts war die Mauer plötzlich doch da - auch automobiltechnisch gingen die beiden Teile Deutschlands nun noch getrenntere Wege als sowieso schon.

Als Ergebnis sollte der abgemeldete DKW im Westen bald nicht nur Seltenheitswert bekommen, sondern auch ohne Ersatzteile da stehen.

Zweitakt-Autos starben nach und nach in der Bundesrepublik aus und knatterten nur noch im Schwesterstaat umher: in der Deutschen Demokratischen Republik. Im Westen übernahm der Käfer endgültig die Alleinherrschaft der Kleinwagen.

Der DKW F5 nach seinem Wiederauftauchen 2012

 34 Jahre später, am 28. September 1995, sah das kleine Auto spät abends die Garage zum ersten Mal wieder von außen. Es hatte nicht nur den Bau der Mauer verschlafen, sondern auch deren Fall. Es schien alles beim Alten geblieben zu sein. Huckepack auf einem Auto- Transportanhänger rumpelte der Wagen nach Neuwied in eine geräumige Halle. Auch wenn die Fahrt im Schutz der Dunkelheit stattfand: allein der Anblick eines solchen automobilen Fossils verursachte ein kleines Verkehrschaos.

Jahre später: der F5 vor der Restauration 2012, ©Frank Hoffmann 2012

Am anderen Tag - bei Sonnenlicht - kam das böse Erwachen wie nach durchzechter Nacht. Die platten Reifen mit abgefahrenem Profil und rissigem, staubgrauem Gummi, hart wie Sohlenleder. Die Rostpickel auf den alten Chromteilen, die verfaulten Cabrionähte und die graue Staubschicht im grellen Licht der Morgensonne. Alles hatte den Charme einer mittlerweile abgeschminkten Bekanntschaft vom Vorabend und ließ endlose Arbeit vermuten.

 

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