Alpenglühen

  Einst unternahm der stolze Besitzer des Wagens eine Reise von Wiesbaden ins Zillertal. Die Geschichte ist durch mehrfache Erzählung überliefert, aber das Datum kann ich nicht einmal grob einsortieren. Aus den Zusammenhängen lässt sich jedoch rekonstruieren, dass es nach dem Krieg, um 1950 herum gewesen sein muss.

 

Zuerst einmal mussten Landstraßen bis zur Bundesautobahn bewältigt werden, denn erst dort begann die kreuzungsfreie Fahrt. Umgehungsstraßen gab es noch nicht, durch Dörfer mit engen Straßen ging es in Richtung Autobahn: gelegentlich auch über Bahnübergänge, deren Schranken ewig geschlossen zu sein schienen, bis irgendwann eine Dampflok mit ihrem Zug vorbeistampfte und ein Schrankenwärter aus seinem Häuschen gestiefelt kam und die Schlagbäume von Hand hochkurbelte (für die jüngeren Leser: kein Quatsch - das war wirklich so!).

DKW 1939 am Fliegerhorst in Wiesbaden

Endlich ging es auf die zweispurige Autobahn, die 1.000 Jahre ;-) vorher als „Reichsautobahn“ gebaut und gefeiert worden war, und die nur von wenigen einsamen Fahrzeugen benutzt wurde und damals keine Leitplanken hatte.
 

Das Auto hatte 18 PS, drei Gänge, keine Heizung und auch sonst keinen Komfort. Vollgas fahren war tabu, denn die Mechanik jener Tage hätte das nicht lange mitgemacht.

Die Höchstgeschwindigkeit stand im Fahrzeugbrief gar nicht erst drin und betrug bestenfalls 80 Kilometer pro Stunde, aber der umsichtige Kraftfahrer fuhr lieber etwas langsamer.

 

Die vier Trommelbremsen wurden mechanisch über Seile betätigt, nach vielen Autobahnkilometern ging es durch München hindurch und bald wieder auf schmalen Landstraßen voran, durch Dörfer, und irgendwann mühte sich der kleine Zweitakt-Motor hinauf ins Gebirge.

 

 Was nun folgen sollte, war eine Art Alpenglühen der besonderen Art:

Nach der Passhöhe und bei der anschließenden Fahrt am Zirler Berg hinab ins Inntal schlug der damalige Stand der Technik erbarmungslos zu: eines der Bremsseile hatte allmählich, aber unbemerkt seinen Dienst versagt. Da die Bremsbeläge über Hunderte gefahrener Kilometer ein wenig abgenutzt waren, hatte die Mechanik zur Betätigung der Bremsbacken samt Bremsseilen inzwischen etwas mehr Spiel als normal.

Zirler Berg, im Herbst 2013

Jedenfalls standen dem armen Fahrzeuglenker von da an abgesehen von Schweißperlen auf der Stirn nur noch drei gebremste Räder zur Verfügung.


Zu wenig für die Passabfahrt!


Den verbleibenden Bremsbacken und Bremstrommeln wurde zunehmend warm ums Herz. Und nicht nur denen.

Es ist die Eigenart von Zweitakt-Motoren, dass sie beim Gaswegnehmen keine Bremswirkung haben: der DKW verzögert deshalb kein Bisschen mit dem Motor, Herunterschalten ist zwecklos, der Fahrer hat funktionierende Bremsen bitter nötig.

 

Im Auto saßen außer dem Automobilisten noch "Tante" und "Onkel Willi". Letzterer natürlich auf dem Vordersitz rechts, wie sich das für mitreisende Herren von je her so gehörte. Die "Tante" hatte auch einen Namen, beim Neffen jedoch hörte sie schlicht auf "Tante". Beide waren von großer Leibesfülle und hatten dem Fahrer und seinem kleinen DKW außerdem noch schweres Urlaubsgepäck zugemutet. Warum auch nicht! Der Junge hatte ja ein eigenes Auto und man musste sich beim Umsteigen nicht mit klobigen Koffern am Bahnsteig herum plagen, wie sonst bei der Eisenbahn.

Ausweichstelle anno Domini 2013

 Das alles rächte sich nun: die Fahrt bergab wollte einfach nicht mehr langsamer werden und schon kam eine Kurve in Sicht, die Touristen mit einem Aussichtsrestaurant lockt. Es schien sich abzuzeichnen, dass diese Kurve unter dem Beifall der damaligen Terrassenbesucher nur mit quietschenden Reifen auf Blaubasalt genommen werden könnte.

Oder auch nicht! "Tante" erkundigte sich vom Rücksitz her entsetzt beim derart forsch lenkenden Neffen, ob das alles so richtig sei und ob man denn unbedingt so schnell fahren müsse...

Diese Situation mit dem alten Auto und der übergewichtigen Besatzung hätte in keinem Charly-Chaplin-Film besser in Szene gesetzt sein können. Hier waren mehr als 300 Kilogramm Besatzung nebst vollgestopften Koffern bei 16% Gefälle unterwegs zu Tal, alles zusammen mit dem Auto über eine Tonne war mechanisch im Zaum zu halten. Dem Fahrer wurde bang und bänger, und alle Versuche, der besorgten chauffierten Herrschaft die Bedenken zu zerstreuen, wurden zusehends erfolgloser. Auch der Onkel mahnte inzwischen eine vorsichtigere Fahrweise beim Neffen an.

  Endlich bot sich rechts eine rettende Ausweichstelle an, die noch heute an derselben Stelle für den Schwerverkehr vorhanden ist, steil bergan führte und der rasenden Talfahrt ein Ende bereitete.

 

Das Problem wurde vom Fahrer nach dem Anhalten an Ort und Stelle selbst durch Nachstellen des Bremsenspiels behoben.

Autofahrer jener Tage brauchten fundierte technische Kenntnisse dringend, und eine Lehre als Schmied oder Schlosser konnte nicht schaden. Einfach einsteigen und losfahren, das war in dieser Zeit noch viel zu riskant.

Eine große Reise mit dem Auto war damals eine Herausforderung, die sich noch lange nicht jeder zutraute.

 

Weiter lesen… (der zweite Anlauf).

 

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