Juni 

 Erstes Juni-Wochenende: DKW-Treffen in Garitz 

Auch in diesem Jahr (2017) trafen sich wieder die Freunde sächsischer Zweitakt-Klänge in der kleinen Gemeinde in Sachsen-Anhalt, die sich noch immer selbst bei Google Maps nicht auf Anhieb finden lässt. Sogar die Mutter aller Suchmaschinen liefert das "echte" Garitz erst auf Platz vier - nach einem gleichnamigen Ort in Franken.

 

Jedenfalls fand dieses Jahr das 41. DKW-Treffen statt, und der F5 musste natürlich hin: dieses Jahr hatte er Grund zum feiern - er wurde fast auf den Tag genau vor 80 Jahren zum ersten mal zugelassen, und zwar

 

am 04.06.1937!

 

Inzwischen hat sich einige Routine für den kleinen DKW und seinen Fahrer eingestellt: Garitz ist eine Gewohnheitsveranstaltung, die alljährlich nach demselben Strickmuster abläuft. Am Donnerstag allgemeine Anreise und Wiedersehensfreude mit (fast) denselben Gesichtern wie im Vorjahr, am Freitag Morgen Ausgabe der Startnummern und der obligatorischen "DKW-Biergläser" für jedes teilnehmende Fahrzeug und anschließend eine Ausfahrt in die nähere Umgebung. 

Aufmarsch zur gemeinsamen Ausfahrt, wie immer.

 Der Berg ruft 

 

Am Freitag führte uns die Ausfahrt zum höchsten Berg im Fläming, immerhin 201 m hoch und keineswegs zu belächeln: der Hagelberg ist immerhin 8 Meter höher als die berühmte Loreley. Wanderschuhe brauchten die Besatzungen der historischen Automobilkaravane aber nicht, denn vom nahen Parkplatz zum Treffpunkt am Hagelberg führte ein kommoder Fußmarsch von ungefähr 200 Metern Länge und überschaubarer Steigung.

 

Am Zielort war ein Picknick geplant, dessen kulinarischer Hintergrund aus einem Würstchen, einer Semmel und einem Keks bestand, regelrecht versüßt von dem Kult-Getränk "Capri-Sonne". Dass dieses Getränk, das üppige 12% richtigen Fruchtsaft enthält, mittlerweile in "Capri-Sun" umbenannt worden ist, wird den meisten gar nicht aufgefallen sein. Man sieht die Verpackung und assoziiert "Sonne". Macht aber nichts: in Deutschland sind schon ganze Städte umbenannt worden. Wolfsburg hieß früher ja auch mal anders, und Chemnitz ebenso.

 Franzosenschreck 

 

Den meisten der eifrigen Herrenfahrer dürfte die historische Bedeutung des Hagelbergs wohl entgangen sein: etwa 300 Meter entfernt vom Ort des Picknicks gibt es ein "neues" Denkmal, das an einen vernichtenden Sieg über Napoleon im Spätsommer 1813 erinnert.

 

Vielleicht der Anfang vom Ende: insbesondere erinnert das Denkmal aber an eine deutsch-russische Waffenbruderschaft, die den Preußen zu Hilfe eilte - man hatte einen gemeinsamen Feind: die Franzosen oder genauer gesagt Napoleon.

 

 Der Hagelberg ist geschichtsträchtig: 

 

Schon im Spätsommer 1913 fand hier ein patriotisches Schauspiel zur Erinnerung an die "Gewehrkolbenschlacht" vor 100 Jahren statt. Denn am 27. August 1813 stieß ein etwa 12.000 Mann starkes preußisches Kontingent  unter General von Hirschfeld am Hagelberg auf ein französisches Korps mit 10.000 Mann unter General Girard. Durch starken Regen waren Pulver und Gewehre nass geworden, sodass die Soldaten mit Bajonetten und Gewehrkolben aufeinander eingedreschen mussten. Die Schlacht war blutig, forderte Tausende Tote und Verletzte und wird daher "Kolbenschlacht" genannt. Die Preußen drohten in diesem Kampf zunächst zu unterliegen, bekamen aber mit General Tschernyschow Unterstützung von russischen Kosaken, die im nahe gelegenen Belzig einquartiert waren. Die Schlacht konnte so zu Gunsten Preußens und gegen Napoleon entschieden werden. Das Blatt begann sich zu wenden:

 

Nach Napeleons Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 konnte sich dieser mit seinen Elitetruppen zunächst über den Rhein nach Frankreich retten. Doch schon zwei Monate später setzte ihm der preußische Generalfeldmarschall von Blücher nach; ihm gelang die Rheinüberquerung in Kaub und damit die Invasion Frankreichs. Blücher wollte zu den russischen und österreichischen Hauptkräften hinzu stoßen und erreichte am 31. Dezember mit zwei seiner Korps Kaub am Rhein. Von hier erfolgte ein Überraschungsangriff auf Frankreich: russische Pioniere in Blüchers Armee begannen mitten in der eisigen Winternacht mit dem Bau einer Pontonbrücke, deren erster Teil bis zur mitten im Rhein gelegenen Burg Pfalzgrafenstein führte und in einem zweiten Schritt den Strom vollständig überwand. Am 07.01.1814 marschierten 50.000 Soldaten, 15.000 Pferde und 180 Kanonen Richtung Frankreich.

 Ausfahrt nach Thießen 

 

Wie schon gesagt: das Strickmuster in Garitz folgt einer strengen, immer wiederkehrenden Tradition: am Folgetag gab es eine Ausfahrt nach Thießen zu einer Töpferei und einem Café. Wie immer war in der Umgebung von Garitz das Ambiente überall so, wie es besser überhaupt nicht zu den alten Autos hätte passen können. Die Formsprache dieses DKW verkörpert wie kaum ein anderes Fahrzeugmodell den Stil der 50er und Anfang der 60er Jahre und passt zum Baustil vieler Anwesen, die hier die Zeit überdauert haben und nicht von schlichten Betonburgen verdrängt worden sind.

Das Backsteingebäude einer alten Kirche samt altem Baumbestand in der Umgebung boten wieder einmal wunderbare Fotomotive.

 

Per Zufall parken hier Startnummer 50 und 51 nebeneinander - mein DKW F5 Cabriolimousine neben einem eleganteren IFA F8 Cabriolet.

 Unikum auf 3 Rädern 

 

Nach der Ausfahrt, ebenfalls wie immer, das obligatorische Treffen "auf der Wiese in Garitz". Dieses mal aber - es lebe die Abwechslung - taucht unvermittelt ein derart häßliches Gefährt auf, dass es schon wieder zur Schönheit mutiert. Kein DKW, sondern ein Goliath F 400.

 

Goliath, der riesige Krieger der Philister aus dem Alten Testament, unterlag im Kampf gegen den Zwerg David, der den Riesen mit seiner Steinschleuder besiegte.

 

Dass der Goliath auf drei Rädern ein Riese sei, kann niemand sagen, und auch nicht, wer auf die bescheuerte Idee gekommen sein mag, dieser Schubkarre mit Hinterradantrieb so einen Namen zu verpassen. Goliath mag groß gewesen sein, aber er war ein tragischer Verlierer. Als Lastesel für Händler und Handwerker war er allerdings ganz bestimmt ein Riese, denn immerhin konnte diese Seifenkiste mit Ladefläche 750 kg schleppen, hatte 396 cm³ Hubraum und satte 12,5 PS.

 

Diese Hubraumleistung hatten die DKW seinerzeit trotz Schnürle-Umkehrspülung jedenfalls nicht.

 

Natürlich lässt sich so ein Nutzfahrzeug in der Praxis auch überladen, und dass so etwas gelegentlich unter Garantie auch gemacht worden ist, muss hier nicht betont werden. Nicht selten dürfte da auch schon mal eine Tonne hinten drauf gelegen haben.

Der Blick durch die Heckscheibe vermittelt einen Eindruck auf den Arbeitsplatz des Fahrers: Schlichtheit beherrscht das Bild.

 

Das Lenkrad sieht dem meines F5 bis auf den silbrig glänzenden Ring des Hupknopfes auffallend ähnlich: es dürfte dasselbe sein. Der übertrieben optimistische Tachometer reicht bis 100 km/h und die ziemlich klobige Uhr ist wahrscheinlich irgendwann einmal nachgerüstet worden. Der Zweitaktmotor heult mit Luftkühlung unter der durchgehenden Sitzbank, auf der neben dem Fahrzeuglenker notfalls auch mehr als nur ein Mitfahrer eingequetscht werden kann.

 

Dass diese Kiste keine Heizung hat, genauso wie mein F5, geschenkt! Der Zweitakter dürfte nicht nur im Winter als Sitzheizung fungiert haben, sondern hat gewiß auch im Sommer dem Hosenboden eingeheizt.

 

Zwischen 1934 und 1938 - aus dieser Zeit stammen die F 400, war das jedenfalls alles besser als zu Fuß gelaufen und einen Handwagen hinter sich her gezogen. Die Höchstgeschwindigkeit soll 50 km/h betragen haben, und das war zu dieser Zeit mit 750 kg auf der Pritsche und auf vielen unbefestigten Straßen mit drei wackeligen Rädern wahrscheinlich auch schon ein Abenteuer! Rasante Kurven sind vermutlich nur etwas für sehr beherzte oder wagemutige Lenker gewesen.

 

Nach dem Krieg muss so ein Gefährt trotzdem Gold wert gewesen sein, denn das Goliath-Werk war im Krieg zerbombt worden, und erst 1949 wurden wieder Dreirad-Transporter gebaut. Der GD 750 wurde bei kleinen Gewerbetreibenden im Westen schnell zum Verkaufserfolg, und Goliath-Transporter gehörten im Nachkriegs-Deutschland überall zum Straßenbild. Sie halfen beim Wiederaufbau und beflügelten in der Bundesrepublik das Wirtschaftswunder. Aber sie schaufelten sich damit auch ihr eigenes Grab: der "Wohlstand für Alle" (Ludwig Ehrhard) bescherte bald bessere Lieferwagen und fegte die Goliaths, wie auch die DKW Schnellaster (und die alten Vorkriegs-DKW), schon Ende der 50er Jahre von der Bildfläche. VW Transporter, Ford Transits und Hanomags übernahmen das Regiment.

 Fahnenflucht 

 

Für den Samstag war - gemäß alter Tradition - für die Gemeinschaft der Zweitaktfreunde wieder eine Ausfahrt geplant, dieses Mal zu einem Schiffbaumuseum. Unsere Freunde und wir hatten aber keine Lust auf alte Tradition und immergleiche Gewohnheit.

Blick ins Innere mit wasserbetriebenem Hammerwerk

So blieben wir der Truppe fern, setzten uns zu einem privaten Ausflug ab und besuchten den Kupferhammer, ein technisches Kulturdenkmal aus der Zeit um das Jahr 1600.

 

Auch hier wieder Fotomotive im Überfluss, nach Einkehr in dem netten Café Kupferhammer und einem Blick in die historische Schmiedewerkstatt mit ihren von der Wasserkraft einer Mühle angetriebenen Hammerwerken setzten wir unsere Fahrt fort über die Elbfähre von Coswig.

Während der beschaulichen Überfahrt auf der Elbe zum anderen Ufer ahnten Fahrer und Fahrzeuge noch nicht, was ihnen blüht: nach dem Verlassen der Fähre folgte eine 4,5 km lange gepflasterte Holperstrecke übelster Art.

 

Auf diesen 4,5 km dürften unsere Fahrwerke im Vergleich zu heute üblichen Straßen sicherlich den Verschleiß von bestimmt 4.500 km erlitten haben.  Plötzlich war mir klar geworden, warum die Autos der 30er und 40er Jahre nicht einmal im Entferntesten 100.000 km Laufleistung erreichen konnten.

 

Diese Straße war - von einer Geländewagenfahrt in der Nähe von Quarzazate in Marokko abgesehen - die schlechteste Strecke, die ich in meinem Leben je gesehen und befahren habe. Wahrscheinlich die gerechte Strafe für das Entfernen von der Truppe der DKW- und IFA-Fahrer.

 

 Tagebuch 

                letzte Aktualisierung: 29.08.2017...                                                         YouTube Video vom 44. internationalen AUVC-Treffen in Tienhoven  2017          seit seit 20.08. neue Seite in englischer Sprache (Einstiegsseite), seit 13.08. neue Seiten in englischer Sprache (Seite "2017", "Garitz 2017" und "Tienhoven 2017")                
 

ifa-f8.de

Hier finden Sie mich

Johannes Herold
Auf der Schmitt 11
56626 Andernach

Kontakt

Sie erreichen mich über mein Kontaktformular.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Johannes Herold