Zweitakt-Republik Garitz 

 

Garitz ist einmal im Jahr die Hauptstadt einer Republik, die noch keiner kennt, weil ich sie nämlich gerade erst erfunden habe. Sie entspringt meiner Phantasie, sie ist nur Fiktion. Und doch ist sie da: denn hier gaben sich Anfang Juni 2016 zum 40sten Mal die Erben sächsischer Automobilbaukunst die Ehre.

 

Unter dem Dach der Auto Union hatte DKW in den 30er Jahren den Massenmarkt fest im Griff (sofern man da von "Massenmarkt" sprechen konnte), aber nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen viele Mitarbeiter samt Erfahrungsschatz und Markenrechten reißaus. DKW floh vor den drohenden politischen Umwälzungen in den Westen und fand eine neue Bleibe in Düsseldorf. Die Wurzeln von DKW jedoch blieben in Sachsen, und diese sächsischen Wurzeln bildeten neue Triebe: fortan führten die Automobilhersteller im Osten die Zweitakt-Tradition fort. Deshalb sind besonders viele überlebende Autos dieser Zeit sächsischen Urspungs, denn der flüchtige Hersteller im Westen konnte sein Markenzeichen DKW nur noch bis Anfang der 60er Jahre verteidigen.

 2016, nur ein gewöhnliches Jahr? 

Nein, 2016 ist das Jahr der Jubiläen!

 

Vor 130 Jahren wurde die Patentschrift für Carl Benz' Motorwagen erteilt (dunkelblauer Balken), vor 110 Jahren wurde das Patent für die Flugmaschine der Gebrüder Wright ausgestellt (blauer Balken), vor 80 Jahren ist "unser DKW" in Zwickau vom Band gerollt (roter Balken), vor 55 Jahren ist dieser DKW "endgültig" abgemeldet worden und in diesem Jahr fand das 40. Treffen in Garitz statt.

 

Wenn das kein Grund zum feiern war...

 Mittwoch: 

Nach verregneter Nacht abreisebereit...

Obwohl der Anhänger zum Transport des DKW seit Wochen bei meinem Vermieter in Mülheim-Kärlich reserviert war, stellte sich beim Abholen heraus, dass an dem Fahrzeug zwei Räder fehlten! Also bekam ich einen anderen Anhänger, allerdings ein schwer ramponiertes Exemplar, das hart an der Grenze der Verkehrs(-un-)sicherheit war.

 

Nun war keine Zeit mehr, schnell bei einem anderen Vermieter Ersatz zu finden, also wurde der DKW in den Abendstunden des Mittwoch bei nachlassendem Regen aufgeladen und für die Nacht mit einer Nylongarage geschützt.

 Donnerstag: 

Zwischenstopp mit "P-Pause" am Rastplatz Helmstedt

Die Reise ging zunächst am Rhein entlang, dann über Köln auf die A1 und weiter über die A2. Ich hatte gehofft, das schlechte Wetter in der Südhälfte Deutschlands nördlich umfahren zu können.

 

Das ging auch bis ungefähr Hamm gut, blauer Himmel lachte, von weißen Wölkchen verziert, aber es sollte sich bald ändern. Erste schwarze Wolken säumten rechts und links die Autobahn - das Gespann mit dem DKW hinten drauf rollte frech mittendurch, aber hinter Herford mitten rein: Starkregen, Blitz und Donner.

 

Himmel, Arm und Wolkenbruch! Runter auf 60 km/h, knöcheltiefe Sturzbäche auf der Fahrbahn. Nach der Durchfahrt unter dem Gewitter blieb es aber schön bis Magdeburg und der Fahrtwind pustete den DKW wieder trocken.

frisch angekommen auf der nassen Wiese von Garitz

Während der kaum vermeidbaren Ortsdurchfahrt von Magdeburg staute sich allerdings der Feierabendverkehr und es gab kein Entkommen mehr: von einem heftigen Gewitter kalt erwischt mischte sich bald Hagel in die Regenflut. Die bange Frage war, wie groß würden die Eiskörner noch werden? Erbsengröße war schon erreicht. Wenn es dick kommt, machen das die stabilen Kotflügel vielleicht noch mit, die Haube aber nicht mehr. Jedoch: es ging gut aus, allerdings konnte ich den DKW hinterher auswringen.

 

Um halb sieben am Abend ist die Fuhre endlich in der heimlichen DKW-Hauptstadt angekommen.

 

Nun stand er auf der berühmten Wiese von Garitz und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

 Freitag: 

Ehrenparade: "Die Augen... geradeaus!"

Es ist wie verhext: letztes Jahr schrieb jemand in einem Internetforum: "in Garitz ist immer schönes Wetter". Damals sah es überhaupt nicht nach gutem Wetter aus. Und dieses Jahr noch viel weniger.

 

Entgegen allen Prognosen sollte sich aber die Weisheit des unbekannten Propheten auch dieses Jahr bestätigen: Sonne pur!

 

Während der Westen im Wetter-Chaos versank und das Festival "Rock am Ring" in der Eifel nach Blitzschlägen und zahlreichen Verletzten abgebrochen werden musste, wurde Garitz regelrecht verwöhnt.

 Loburg Hauptbahnhof 

 

Die Dampflokbetriebsgemeinschaft e.V. in Loburg war am Freitag Ziel unserer Ausfahrt. Loburg liegt unweit der Landeshauptstadt Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Der Ort liegt am Elbe-Nebenfluss Ehle im Westfläming und im Norden und im Westen reicht das Landschaftsschutzgebiet Loburger Vorfläming bis an den Ortsrand heran*.  Mit einem historischen Zug unternahmen die Automobilisten mit ihren historischen DKW-, IFA- und sonstigen Fahrzeugen eine Bahnreise.

 

Am Bahnhof angekommen, boten Verladerampen und Bahnhofsvorplatz Gelegenheit, die schönen alten Wagen in gekonntem Durcheinander zu parken und ein paar Schnappschüsse zu machen.

 

*) Zitiert aus Wikipedia.

 Flagge gezeigt 

 

Vor der Abreise wurde noch schnell klar gestellt, wer hier auf große Fahrt geht: der Deutsche DKW-Club e.V. ließ sich zum vierzigsten Treffen jedenfalls nicht lumpen.

 

Lokomotive, Wagenpark und Autos passten vom Alter her gut zusammen - auch die Königin aller Lokomotiven, die schöne stinkende Dampflok, war mit einem Exemplar vertreten: die 24 083 wurde 1938 gebaut und als leichtes "Mädchen für Alles" auf Nebenstrecken eingesetzt. "Steppenpferd" war ihr Spitzname und sie gehört zu der Epoche der älteren DKW von vor dem Krieg. Leider war sie nicht so rüstig wie ihre automobilen Zeitgenossen auf Gummirädern. Ihr Feuer war längst erloschen.

 

Die jüngere Diesellok, eine Deutz KS 230B aus dem Jahr 1962 passt eher zu den neueren Wagen der 50er und frühen 60er Jahre und schleppte unseren "Rheingold-Express".

 

Sie wurde nämlich von KHD in Köln-Deutz gebaut, was mich als Rheinländer ganz besonders freut und Heimatgefühle weckt. Diese Maschinen waren bei der Bundeswehr als Rangierloks für Marine und Luftwaffe beschafft worden, unser Exemplar war auf dem Fliegerhorst Diepholz stationiert.

 Blutsverwandschaft 

 

Was viele nicht wissen: der Name "DKW" steht für "Dampf-Kraft-Wagen", denn Herr Rasmussen hielt es anfangs für eine gute Idee, Autos mit Dampf anzutreiben. Erst der Erfolg von Carl Benz, dessen Auto Benzin tankte, wies den richtigen Weg in die Zukunft.

 

So verbindet den Namen DKW und die Dampflok (zumindest theoretisch) die Kraftquelle. Von der Baureihe 24 sind insgesamt 95 Lokomotiven gebaut worden, 34 sind nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen geblieben, wo die letzte Lok 1976 ausgemustert wurde. Auch die 24 083 verrichtete bei der Polnischen Staatsbahn ihren Dienst, wurde 1975 nach (West-) Deutschland verkauft und 1993 im Ausbesserungswerk Meiningen auf Vordermann gebracht. Mindestens bis 2005 schleppte sie Museumszüge, bevor Risse am Kessel ihrer Karriere ein Ende setzten. Spätestens seit 2010 steht sie in Loburg, wo sie fahruntüchtig und traurig auf ein Abstellgleis geschoben wurde.

 Samstag: 

Stargast: unser F5 im Mittelpunkt des Interesses

Am Samstag Morgen stand die übliche Ausstellung der Fahrzeuge auf der Tagesordnung. Durch die Internetpräsenz unseres DKW war das Interesse groß. Es kamen viele zielstrebig auf den alten Wagen zugelaufen und lachten schon von weitem: "da ist er ja!". Viele kannten die Geschichte des kleinen heldenhaften Autochens, das den Krieg überlebt und so lange in dunklen Garagen gestanden hatte.

Mit diesen Scheinwerfern braucht man keine Rückspiegel mehr!

Die Parade der Oldtimer lieferte ein Form-Erlebnis nach dem anderen. Wie schön waren doch die Autos im Vergleich zu heute üblichem Aerodynamik-Design im Stil eines abgelutschten Pfefferminzbonbons. Heute begegnen uns Autos, die böse gucken und welche, die wie kleine Schützenpanzer aussehen, aber Aluräder und einen Sausipar*-Aufkleber mit gekreuzten Krummsäbeln hinten drauf haben.

*) Name von der Redaktion geändert...   ;-)

 Designschule 

 

Natürlich werden die Leute, die sich heute Designer nennen und für Künstler halten, beleidigt sein: aber mal ehrlich, welche automobile Kreation kann heute noch mit so einem Hinterteil wie auf diesem Bild mithalten? Das hat ja fast was erotisches, oder? Ja, zugegeben: es gibt heute Crash-Tests, Normen und Produkthaftungsgesetze, die der Formgebung vielleicht Grenzen setzen. Und nach einem Waschstraßenbesuch würde dieses Ersatzrad wohl auch einiger Nachsorge bedürfen. Was bei Auto-Tests sicher zu einer schlechten Note führen würde. Aber wen kümmert das schon?

Und es kann doch keine Ausrede dafür sein, heute einfach hässliche Autos zu bauen?!?! Erst kürzlich hat ein Hersteller einen Wagen auf den Markt gebracht, der so aussieht wie ein Rasenmäher mit vier Sitzen und ohne Griff zum Schieben hinten dran. Und mit Rempelschonern wie an der Arbeitskleidung eines Eishockey-Torwarts. Wem's gefällt...

 Schloss Walthernienburg 

 

Am Nachmittag führte uns die Ausfahrt mit unseren historischen Fahrzeugen zur Burg Walthernienburg. Dabei handelt es sich um eine kleine Burg an der Nuthe in der Nähe von Zerbst bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Im Zusammenhang mit der Schenkung des Handels- und Honigzehnts an das Erzstift Magdeburg wurde die Walthernienburg als „Nigenburg“ 973 erstmals urkundlich erwähnt*, sie ist aber wesentlich älter.

 

*) Zitiert aus Wikipedia.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Burg zu Wohnzwecken genutzt und verfiel zunehmend. Ab 1988 begann der Abriss der Burggebäude*.

 

In der Umgebung fanden sich zahlreiche handwerkliche Fundstücke, die auf mehrere tausend Jahre alte Zivilisationen zurück gehen und lange Zeit vor unserer Zeitrechnung datierten. Zwar konnte die Burg wegen einer geschlossenen Gesellschaft nicht besichtigt werden, aber den Teilnehmern der Ausfahrt wurde in kleinen Gruppen Gelegenheit zu einer Führung im Turm der Burg gegeben. Das historische Interesse mancher Oldtimer-Besitzer reicht aber nur bis zum Baujahr des eigenen Fahrzeuges zurück.

 

*) Zitiert aus Wikipedia.

 Sonntag: 

Der Sonnstag stand unter dem Zeichen des Abschieds. Wegen beruflicher Verpflichtungen mussten wir am Montag wieder in alter Frische zur Verfügung stehen, und vorher sind 540 km mit einem Anhänger hinten dran und einem Oldtimer oben drauf zu bewältigen.

Gewisse Sorgen bereitete die Beobachtung der Szene: viele Teilnehmer und Händller, die noch 2013 (bei unserem ersten Besuch) auf meterlangen Flohmarkt-Tischen ihre Schätze anboten, waren dieses Jahr nur noch mit Restposten vertreten. Andere erklärten ans Aufhören zu denken, weil die Knochen nicht mehr so wollen - von "Bereinigung" war oft zu hören.

 

Garitz wird in den nächsten Jahren sein Gesicht ändern, wenn auch in ganz kleinen Schritten nur. Für uns Anlass genug, auch 2017 wieder dabei zu sein, solange es noch so bezaubernd und verhext ist wie es die letzten Male war.

Abfahrbereit vor dem "Sporthotel Garitz"

 Sonderstatus 

 

Garitz ist irgendwie etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil im Osten seit 1979 ein Markentreffen stattfindet, dessen Marke sich längst in den Westen verkrümelt hatte und dort schon 1963 in der Versenkung verschwunden war. DKW war im Osten durch IFA, Framo und andere Marken ersetzt. Dass Jørgen Rasmussens Marke DKW ausgerechnet hier die Fahne hoch gehalten bekam, ist ziemlich bemerkenswert.

 

Fahrzeuge mit dem "alten" DKW-Zeichen und den vier Ringen vorne dran sind auf der Wiese auch eher in der Minderheit gewesen. IFA, Wartburg und andere bildeten die Majorität.

 

Sondern auch deshalb, weil dieses Mal nur das 40ste Treffen gefeiert wurde. Nicht das "Vierzigjährige", das will wohl fein unterschieden werden.

 

Wenn das erste DKW-Treffen 1979 stattgefunden hat, muss es in der Zwischenzeit ab und zu mal mehrere Treffen pro Jahr gegeben haben. Aber wie dem auch sei: der nächste besondere Grund zum Feiern ist dann ja wohl 2019. Dann heißt das Motto: "40 Jahre DKW-Treffen".

 

Und dann die Hexerei mit dem Wetter.

 

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